
Bild von Petra Tielen: Engel der Zuversicht auf Leinwand
„Sorgen lösen die Probleme von morgen nicht. Sie nehmen uns oft nur die Kraft für das Heute.“
Von allen fünf Reiki-Lebensregeln hat mich diese vermutlich am längsten beschäftigt – und ehrlich gesagt tut sie es bis heute noch.
„Gerade heute sorge dich nicht.“
Als ich diesen Satz zum ersten Mal las, fragte ich mich sofort: Wie soll das gehen?
Schließlich gibt es doch immer etwas, worüber wir uns Sorgen machen können. Die Gesundheit eines geliebten Menschen, die Zukunft unserer Kinder, eine wichtige Entscheidung oder finanzielle Unsicherheiten. Und manchmal ist es einfach die Frage, was das Leben morgen für uns bereithält.
Gerade weil ich viele Jahre naturwissenschaftlich gearbeitet habe, erschien mir diese Lebensregel zunächst beinahe widersprüchlich. Vorsorge ist schließlich wichtig. Risiken abzuwägen gehört zu verantwortungsvollem Handeln, und wer gute Entscheidungen treffen möchte, sollte mögliche Folgen bedenken.
Das „Gerade heute…“ machte mir deutlich, dass es hier nicht um einen unerreichbaren Anspruch ging. Und trotzdem fragte ich mich lange, wie das im Alltag gelingen soll. Heute verstehe ich diese Lebensregel anders.
Heute glaube ich nicht mehr, dass diese Lebensregel uns dazu auffordert, sorglos zu sein. Vielmehr erinnert sie mich daran, zwischen Fürsorge und Sorgen zu unterscheiden – zwischen verantwortungsvollem Handeln und einem Gedankenkarussell, das sich immer weiterdreht, ohne uns einer Lösung näherzubringen.
Aus biologischer Sicht sind Sorgen zunächst nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Sie gehören zu einem uralten Schutzprogramm unseres Gehirns.
Über Hunderttausende von Jahren war es für unsere Vorfahren überlebenswichtig, Gefahren möglichst früh zu erkennen. Wer eine Bedrohung rechtzeitig bemerkte, hatte bessere Chancen zu überleben als jemand, der erst reagierte, wenn die Gefahr bereits unmittelbar bevorstand.
Deshalb entwickelte unser Gehirn eine erstaunliche Fähigkeit. Es kann sich mögliche Zukunftsszenarien vorstellen und stellt unablässig die Frage: Was könnte passieren?
Diese Fähigkeit ist ein großer Vorteil und eine der größten Stärken unseres Gehirns. Sie ermöglicht Planung, Vorsorge und verantwortungsvolles Handeln. Ohne sie gäbe es vermutlich keine Medizin, keine Wissenschaft und keine langfristigen Projekte.
Doch genau diese Stärke hat auch ihre Schattenseite.
Unser Gehirn unterscheidet nur begrenzt zwischen einer tatsächlichen Gefahr und einer Gefahr, die wir uns ausmalen. Es reagiert deshalb oft nicht auf die Wirklichkeit selbst, sondern auf die Vorstellung davon, was geschehen könnte.
Spielen wir dieselben beunruhigenden Gedanken unablässig durch, reagiert unser Körper häufig so, als wäre die Bedrohung bereits Realität.
Dabei sitzen wir vielleicht ganz ruhig auf dem Sofa.
Und trotzdem beginnt unser Nervensystem Alarm zu schlagen.
Viele Menschen erleben Sorgen zunächst nur als Gedanken. Tatsächlich betreffen sie jedoch den ganzen Körper.
Sobald unser Gehirn eine Situation als bedrohlich bewertet, aktiviert es den Sympathikus – den Teil unseres vegetativen Nervensystems, der uns auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Stresshormone wie Adrenalin und später Cortisol werden ausgeschüttet. Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flacher und die Muskulatur spannt sich an. Gleichzeitig richtet sich unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die mögliche Gefahr.
Kurzfristig ist das eine geniale Überlebensstrategie. Innerhalb weniger Augenblicke stellt der Körper zusätzliche Energie bereit, damit wir kämpfen oder fliehen können. Große Muskelgruppen werden besser durchblutet, Energiereserven mobilisiert und alle Funktionen, die in diesem Moment nicht unmittelbar überlebenswichtig sind – etwa Verdauung, Regeneration oder Teile des Immunsystems – treten vorübergehend in den Hintergrund.
Problematisch wird es erst, wenn aus dieser vorübergehenden Alarmbereitschaft ein Dauerzustand entsteht. Dann arbeitet unser Organismus Tag für Tag auf Hochtouren, obwohl gar keine unmittelbare Gefahr besteht. Gleichzeitig versucht unser Gehirn unermüdlich, diese Unsicherheit zu kontrollieren. Es spielt mögliche Szenarien durch, sucht nach Lösungen und bewertet immer wieder dieselben Gedanken.
Dabei verbraucht unser Gehirn ohnehin schon rund zwanzig Prozent der gesamten Energie unseres Körpers, obwohl es nur etwa zwei Prozent unseres Körpergewichts ausmacht. Anhaltendes Grübeln und das ständige Abwägen möglicher Zukunftsszenarien gehören zu den energieaufwendigsten geistigen Leistungen überhaupt.
Vielleicht kennen wir deshalb das Gefühl, nach einem Tag voller Sorgen vollkommen erschöpft zu sein, obwohl wir körperlich kaum etwas getan haben. Manchmal fühlen wir uns nach stundenlangem Grübeln sogar müder als nach einer langen Wanderung. Nicht, weil unser Körper viel geleistet hätte, sondern weil unser Gehirn und unser
Nervensystem über Stunden im Überlebensmodus gearbeitet haben.
Das Faszinierende ist: Unser Gehirn hält Sorgen oft für eine gute Idee.
Es vermittelt uns das Gefühl, dass wir einer Lösung näherkommen, wenn wir nur lange genug über ein Problem nachdenken.
Manchmal stimmt das sogar. Es gibt Situationen, in denen gründliches Nachdenken notwendig ist und uns hilft, eine gute Entscheidung zu treffen.
Doch sorgenvolles Denken folgt häufig einer anderen Dynamik.
Je länger wir über eine ungewisse Situation grübeln, desto mehr Möglichkeiten fallen uns ein. Mit jeder neuen Möglichkeit entstehen weitere Fragen, neue Unsicherheiten und schließlich neue Sorgen. Unser Gehirn versucht, etwas zu kontrollieren, das sich im Moment vielleicht gar nicht kontrollieren lässt.
Psychologen sprechen hier von Grübelschleifen oder Rumination. Das eigentliche Problem wird dadurch oft nicht kleiner. Es wächst – nicht unbedingt in der Realität, aber in unserem inneren Erleben.
Während wir uns immer stärker mit dem beschäftigen, was vielleicht schiefgehen könnte, verlieren wir leicht den Blick für das, was gerade jetzt möglich ist.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Nachdenken und Grübeln.
Nachdenken führt irgendwann zu einer Entscheidung.
Grübeln dreht sich immer weiter im Kreis.
Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass mich diese Reiki-Lebensregel zu einer wichtigen Unterscheidung einlädt.
Fürsorge bedeutet für mich, Verantwortung zu übernehmen. Ich vereinbare einen Arzttermin, spreche ein Problem an oder treffe eine Entscheidung, obwohl sie vielleicht nicht leichtfällt. Fürsorge bringt mich ins Handeln.
Sorgen dagegen halten mich häufig im Denken fest. Ich spiele dieselben Möglichkeiten immer wieder durch, suche nach einer Sicherheit, die es im Moment noch gar nicht geben kann, und versuche etwas kontrollieren zu wollen, dass sich meiner Kontrolle entzieht.
Diese Unterscheidung hat meinen Blick auf die Lebensregel grundlegend verändert.
Fürsorge schenkt Kraft.
Sorgen verbrauchen sie.
Vielleicht lädt uns die Reiki-Lebensregel genau dazu ein, diesen Unterschied immer wieder bewusst wahrzunehmen. Nicht jede Sorge verlangt nach weiterem Nachdenken. Manche möchte uns lediglich darauf aufmerksam machen, dass jetzt ein konkreter Schritt möglich ist.
Und manchmal gibt es keinen Schritt.
Dann bleibt nur, das Ungewisse auszuhalten.
Genau hier empfinde ich Reiki als eine wunderbare Unterstützung. Nicht, weil Reiki Schwierigkeiten einfach verschwinden lässt oder Probleme für mich löst. Sondern weil es mir immer wieder hilft, aus dem Alarmzustand meines Nervensystems in einen Zustand größerer Ruhe zurückzufinden.
Wenn ich meine Hände auflege, geschieht zunächst oft etwas ganz Einfaches. Meine Aufmerksamkeit kehrt langsam zurück – weg von den Gedanken an gestern oder morgen und hin zu diesem einen Augenblick. Ich spüre meinen Atem, die Wärme meiner Hände und den Kontakt meines Körpers mit der Unterlage. Fast unbemerkt wird mein Denken ruhiger.
Heute wissen wir aus der Neurobiologie, dass achtsame Körperwahrnehmung den Parasympathikus aktivieren kann – also den Teil unseres vegetativen Nervensystems, der für Regeneration, Erholung und das Erleben von Sicherheit zuständig ist. Herzschlag und Atmung beruhigen sich, die Muskulatur beginnt loszulassen und der Körper erhält gewissermaßen die Botschaft:
Im Moment bist du sicher.
Genau das verändert häufig auch unsere Gedanken. Nicht, weil die Probleme plötzlich verschwunden wären. Sondern weil wir ihnen nicht länger aus einem Zustand innerer Alarmbereitschaft begegnen.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft von Reiki. Es schenkt uns einen kleinen Moment des Innehaltens – einen Raum zwischen Sorge und Reaktion. Und manchmal reicht genau dieser Raum aus, damit wir wieder klarer sehen können.
Früher wollte ich meine Sorgen möglichst schnell loswerden. Ich empfand sie als störend und hatte das Gefühl, sie möglichst rasch beruhigen oder wegschieben zu müssen.
Heute versuche ich etwas anderes.
Ich höre ihnen zunächst zu.
Denn hinter einer Sorge verbirgt sich oft eine wichtige Frage. Sie möchte mich auf etwas aufmerksam machen. Vielleicht auf eine Unsicherheit, vielleicht auf eine Verantwortung oder vielleicht auch auf etwas, das ich im Moment gar nicht beeinflussen kann.
Deshalb frage ich mich heute häufiger:
Wovor möchte mich diese Sorge eigentlich schützen?
Welche Unsicherheit steckt dahinter?
Kann ich im Moment tatsächlich etwas tun?
Oder kreisen meine Gedanken um etwas, das außerhalb meines Einflusses liegt?
Allein diese Fragen verändern oft schon meinen Blick.
Nicht selten stelle ich fest, dass hinter der Sorge gar nicht das eigentliche Problem steckt. Vielleicht ist es die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Vielleicht die Sorge, den Erwartungen anderer nicht zu genügen. Oder die Erfahrung, schon einmal verletzt oder enttäuscht worden zu sein.
Wenn ich das erkenne, verschwindet die Sorge nicht sofort.
Aber sie verliert häufig etwas von ihrer Macht.
Nicht, weil ich sie bekämpfe.
Sondern weil ich beginne zu verstehen, was sie mir eigentlich sagen möchte.
Vielleicht war es noch nie so leicht wie heute, sich Sorgen zu machen.
Nachrichten erreichen uns rund um die Uhr. Krisen auf der ganzen Welt erscheinen innerhalb weniger Sekunden auf unserem Bildschirm. Soziale Medien konfrontieren uns ständig mit neuen Informationen, Warnungen, Vergleichen und Prognosen.
Unser Gehirn ist für diese Informationsflut eigentlich gar nicht geschaffen. Trotzdem versucht es unermüdlich, all diese Eindrücke einzuordnen und mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen. Was ursprünglich ein sinnvoller Schutzmechanismus war, kann dadurch leicht zu einer dauerhaften Alarmbereitschaft werden.
Hinzu kommt, dass wir nicht nur um unser eigenes Leben sorgen. Wir machen uns Gedanken über die Zukunft unserer Kinder, über politische Entwicklungen, den Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheiten oder Krankheiten, die vielleicht niemals eintreten werden.
Viele dieser Sorgen sind verständlich.
Doch nicht alle können wir beeinflussen.
Gerade deshalb berührt mich diese Reiki-Lebensregel. Sie erinnert mich daran, meine Aufmerksamkeit immer wieder dorthin zurückzubringen, wo mein Leben tatsächlich stattfindet.
Nicht gestern.
Nicht morgen.
Sondern heute.
Jetzt.
Vielleicht bedeutet „Gerade heute sorge dich nicht“ gar nicht, niemals besorgt zu sein.
Vielleicht erinnert uns diese Lebensregel vielmehr daran, den Sorgen nicht die Führung über unser Leben zu überlassen.
Ihnen zuzuhören und zu fragen, was sie uns sagen möchten.
Zu prüfen, ob sie uns zum Handeln auffordern oder ob sie lediglich unsere Gedanken beschäftigen.
Vielleicht werde ich auch morgen wieder Sorgen haben. Wahrscheinlich sogar. Ich bin ein Mensch wie jeder andere. Aber diese Reiki-Lebensregel erinnert mich immer wieder daran, dass ich meinen Sorgen zuhören darf, ohne ihnen das Steuer meines Lebens zu überlassen.
Und dann – so gut es heute möglich ist – den Blick wieder auf das zu richten, was gerade wirklich da ist.
Denn die Zukunft entsteht nicht dadurch, dass wir sie immer wieder gedanklich durchleben.
Sie entsteht Schritt für Schritt.
Mit jeder Entscheidung.
Mit jedem Atemzug.
Und mit jedem Tag, an dem wir lernen, unsere Energie nicht an die Sorgen von morgen zu verlieren.
Gerade heute.
Quellen: Stephen W. Porges – Die Polyvagal-Theorie: Wie unser Nervensystem zwischen Sicherheit und Gefahr unterscheidet. Robert M. Sapolsky – Warum Zebras keine Migräne bekommen: Die Auswirkungen chronischen Stresses auf Körper und Gehirn. Jon Kabat-Zinn – Gesund durch Meditation: Achtsamkeit und die Kraft des gegenwärtigen Augenblicks.

In diesem Blog teile ich Wissenswertes über das traditionelle Usui Reiki, spirituelle Impulse und Gedanken, die den Alltag mit mehr Achtsamkeit, Vertrauen und innerer Verbundenheit bereichern können.
Jeder Lichtblick ist eine Einladung zum Innehalten. Vielleicht begleitet Sie der eine oder andere Gedanke ein Stück auf Ihrem Weg.

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